Alwin und der Drache
Alwin und seine Mama sind wieder einmal im Zoo, denn Alwin möchte, so oft wie nur möglich die Tiere besuchen.Er liebt die Krokodile, die immer mit offenem Maul daliegen und sich nicht bewegen – und die Affen, die herumturnen und so lustig aussehen – und die Giraffen mit dem langen, langen Hals – die Elefanten, die mit ihrem Rüssel ständig Zweige aufnehmen und in ihren Maul schieben oder sich gegenseitig mit den Rüsseln anstupsen – und die Pinguine, die im Wasser schwimmen und tauchen, aber auch die Tiger und Löwen mag er, weil sie so groß und stark sind.
Doch Alwins Lieblingstiere sind die Drachen, vor allem die Drachen, die auch Feuer speien können. Nur, leider gibt es im Zoo keine großen feuerspeienden Drachen, nicht einmal klitzekleine Drachen. Mama sagt, die gibt es sowieso nur im Märchen.
Heute sind besonders viele Menschen im Zoo, weil so schönes Wetter ist. Viele Mamas mit Babys im Kinderwagen und kleinen Kindern an der Hand und ganze Schulklassen mit großen Buben und Mädchen stehen vor den Käfigen und schauen den Tieren zu.
Alwin geht schnurstracks zum Gehege der Elefanten, weil er das Elefantenjunge mit den lustigen Haaren auf dem Kopf so niedlich findet. Der kleine Elefant steht bei seiner Mutter und frisst genussvoll Blätter.
Alwin winkt ihm zu. „Hallo, kleiner Elefant! Wie geht es dir heute?”
Das Elefantenjunge hebt den Rüssel, was so viel heißt wie: „Alles klar, lieber Alwin. Mir geht’s gut.”
Als nächstes zieht Alwin seine Mama zum großen Käfig der Raubvögel. Er begrüßt den Bussard, der auf einem Ast sitzt und sich die Flügel putzt. „Guten Morgen, Bussard! Warum putzt du dir deine Flügel?”
Der Bussard schlägt ein paar Mal kurz mit seinen großen Flügeln und antwortet: „Guten Morgen, Alwin. Ich muss mich hübsch machen, weil ich heute Besuch bekomme. Der Zoodirektor will nämlich einen zweiten Bussard zu mir in den Käfig geben, damit mir nicht länger langweilig ist!”
„Aha, so ist das also!”, meint Alwin und will schon weitergehen.
„Warte noch”, ruft der Bussard. „Ich weiß noch eine Neuigkeit. Das wird dich sicher sehr interessieren.
„Was denn für eine Neuigkeit?”, fragt Alwin aufgeregt.
„Im leeren Käfig neben den Löwen ist ein Drache eingezogen, ein feuerspeiender Drache!”
„Ein Drache?”, ruft Alwin begeistert.
Seine Mama erschrickt und sagt: „Psst, Alwin, schrei doch nicht so. Das ist kein Drache, sondern ein Bussard, das weißt du doch.” Sie hat nichts von dem Gespräch zwischen Alwin und dem Bussard verstanden, weil sie schon erwachsen ist und nicht mit Tieren spricht.
Alwin hat keine Zeit, um alles zu erklären. Er muss schnell zum Löwenkäfig laufen. Seine Mama rennt hinterher und wundert sich sehr über ihr Kind:
Dann bleibt Alwin auch noch vor dem leeren Käfig stehen und starrt hinein. Ja, da steht der schönste Drache, den er je gesehen hat: mit gold-grün-schillernden Schuppen übersät und einem langen Schwanz und einem großen Drachenkopf mit einem spitzen Maul voll scharfer Zähne. Er sieht gefährlich aus – Alwin hat ein wenig Angst vor dem großen Drachen. „Mama, siehst du den Drachen?”, fragt er. Seine Mama schüttelt den Kopf. „Nein”, sagt sie, „ich sehe einen leeren Käfig und sicherlich keinen Drachen. Ich glaube, du träumst mal wieder!”
Aber weil Alwin wie angewurzelt vor dem leeren Käfig stehen bleibt, setzt sie sich einstweilen auf eine Bank in der Nähe, macht es sich gemütlich und liest in einem Buch – so wie sie es immer macht, wenn ihr Sohn im Tiergarten vor den Käfigen steht und heimlich mit den Tieren spricht.
Alwin hat nun Zeit, mit dem Drachen zu reden. „Hallo, großer Drache!”, sagt er. „Ich heiße Alwin. Hast du auch einen Namen?”
Der Drache sagt gar nichts, sondern dreht seinen Kopf zur Seite. Er sieht traurig aus.
„Bist du traurig?”, fragt Alwin und geht einen Schritt näher zum Käfig.
Der Drache nickt mit dem Kopf und schaut noch ein bisschen trauriger drein. Alwin befürchtet, dass gleich große Drachentränen aus seinen großen, dunklen Drachenaugen kullern werden.
„Ich muss hier raus!”, flüstert der Drache und schluchzt ein bisschen. „Ich bin hier gefangen und kann nicht mehr wegfliegen!”
„Alle Tiere im Zoo sind in den Gehegen eingesperrt, damit wir sie besuchen können!”, erklärt Alwin dem traurigen Drachen.
„Doch, selbstverständlich sehe ich, dass alle Tiere eingesperrt sind. Das finde ich auch traurig. Aber ich gehöre nicht in euren Zoo. Ich bin ein Drache.”
„Und wieso bist du hier?”, wundert sich Alwin und spricht ganz leise. Er steht nun ganz nahe am Gitter des Drachenkäfigs. Die Leute, die vorbeigehen, wundern sich, was der kleine Bub da betrachtet. Sie sehen den Drachen nämlich nicht – sie sehen nur einen leeren Käfig.
Der schöne, große Drache ist für alle unsichtbar – außer für Alwin.Der Drache geht auch ein kleines Stückchen auf Alwin zu und flüstert nun ebenfalls:
„Also, wenn du es wirklich wissen willst, erzähle ich es dir.”
Der große Drache senkt seinen schuppigen Kopf nahe zu Alwin und erzählt ihm, was geschehen war: „Du musst wissen, dass ich in meinem Land einer der mächtigsten und schönsten Drachen bin. Ich lebe auf einem hohen Felsen und liege meistens in der Sonne, um meine gold-grünen Schuppen im Sonnenlicht zu baden. Ab und zu besuche ich meinen Freund, einen Zauberer, der wohnt in der Nähe in einem prächtigen Schloss. Und eines Tages, ich glaube, es war gestern, wollte ich wieder einmal ins Schloss zu Besuch. Die Köchin des Zauberers kann nämlich herrlichen Schokoladekuchen backen. Den esse ich für mein Leben gern. Nun, als ich so dahinflog, mit meinen Gedanken ganz bei diesem herrlich, cremigen, süßen, leckeren Schokoladekuchen, bemerkte ich, dass ich von einem Ritter mit einer roten Feder auf dem Helm verfolgt werde. Er ritt schnell wie der Wind auf einem schwarzen Pferd und versuchte mich mit einem Pfeil zu erschießen. Kannst du dir das vorstellen? Ich war so erschrocken, dass ich vor lauter Angst begann, Feuer zu spucken! Das hätte ich besser nicht tun sollen, weil die Flammen aus meinem Maul ein großes Stück des Waldes in Brand setzten. Plötzlich lag dicker, schwarzer Rauch in der Luft und ich konnte gar nichts mehr sehen. Ich flog einfach geradewegs weiter und weiter und wollte nur diesem Rauch entkommen – da befand ich mich plötzlich an diesem seltsamen Ort mit den vielen Käfigen mit Tieren darinnen. Ich sah diesen unbewohnten Käfig, ging hinein und wollte mich ein wenig von dem langen Flug durch den dichten Rauch erholen und in dem Augenblick, als ich mich zusammenrollte, um einzuschlafen, kam ein Mensch vorbei und verschloss die Tür. Nun bin ich gefangen und brauche Hilfe, um in mein Land zurückzukommen.”
Der Drache seufzt lange und vernehmlich – doch außer Alwin hört das ja niemand. Dann fragt er den Buben: „Möchtest du mir helfen?”
Alwin nickt sofort und sagt: „Na, klar helfe ich dir. Sag mir, was ich tun soll!”
„Ich habe eine Idee, aber so ganz sicher bin ich mir nicht, ob es auch klappt”, flüstert der Drache. „Mir ist eine Möglichkeit eingefallen, wie ich geradewegs in mein Land zurückfliegen könnte. Ich habe zwar keine Ahnung, wie es geschehen konnte, dass ich hierher kam, aber ich weiß, dass meine Geschichte in einem Buch aufgeschrieben ist. Davon hat mir mein Freund, der Zauberer, erzählt. Er kennt einfach alles, alle Welten, die Menschen und auch die Märchenwelt. Wenn du dieses Buch findest und herbringst, so glaube ich, findet sich ein Weg, wie ich wieder in meine Welt zurückkehren könnte.”
Alwin ist entschlossen, dem Drachen zu helfen. Er geht zu seiner Mama und bittet sie, dass sie jetzt unbedingt sofort in eine Buchhandlung gehen müssen, um ein Buch über einen gold-grünen, feuerspeienden Drachen zu kaufen.
„Aha”, sagt Alwins Mama, „na, wenn das so wichtig ist, dann machen wir das.”
Alwin weiß, dass er eine sehr liebe Mama hat, von der er fast immer alles bekommt, was er haben möchte. Sie verlassen den Zoo und beim Vorbeigehen verspricht Alwin dem Drachen bald wiederzukommen. Zum Glück gibt es gleich in der Nähe eine Buchhandlung mit vielen schönen Kinderbüchern.
„Ich suche ein Buch über einen gold-grünen Drachen und einen Ritter mit einer roten Feder!”, erklärt Alwin dem Verkäufer.
„So, so”, sagt der Verkäufer und wiederholt, was Alwin gesagt hat: „Ein Buch mit einem gold-grünen Drachen und einem Ritter mit einer roten Feder suchst du. Ich glaube, ich weiß, welches Buch du meinst.”
Er geht in einen Nebenraum und bringt einen ganzen Stapel Bücher. Er nimmt das oberste Buch und sagt: „Ich glaube, du meinst dieses Buch. Es heißt „Märchen aus dem Mittelalter” und steckt voll toller Abenteuergeschichten und wundersamer Erzählungen. Das Sonderbare an dem Buch ist aber, dass zwei Seiten fehlen, nämlich das Ende der Geschichte vom Drachen mit den gold-grünen Schuppen und dem Ritter mit der roten Feder. Das ist wirklich sehr bedauerlich. Und deshalb kann ich dieses Buch auch nicht verkaufen und muss es an den Verlag zurückschicken. Es dürfte sich um einen Druckfehler handeln.”
Alwin bettelt seine Mama an, das Buch trotzdem zu kaufen, weil er in seinem Bauch fühlt, dass es genau das Buch ist, das er für den Drachen im Zoo braucht. „Ich will nämlich diese Geschichte zu Ende dichten”, verspricht er seiner Mutter.
Mama und Verkäufer schauen einander verwundert an, als wäre Alwin ein wenig verrückt geworden. Aber Mama kauft das Buch und Alwin ist wieder glücklich und zufrieden, denn er ist nun sicher, dass er dem Drachen helfen kann.
Am nächsten Tag hat Mama keine Zeit in den Zoo zu gehen, aber am Tag darauf hat sie frei und geht mit Alwin in den Tiergarten. Er kann es gar nicht erwarten, dem Drachen das Buch zu zeigen.
„Tut mir leid, dass ich gestern nicht kommen konnte!”, ruft Alwin schon von Weitem zum Drachen, der zusammengerollt am Käfiggitter liegt. Seine gold-grünen Schuppen glänzen im Sonnenlicht. Es sieht aus, als hätte jemand goldene Farbe über seine Drachenhaut gesprüht.
„Du bist wirklich wunderschön!”, sagt Alwin zum Drachen. „Schade, dass dich meine Mama nicht sehen kann.”
Er zieht das Buch aus seinem Rucksack und zeigt es dem Drachen. „Meinst du dieses Buch?”, fragt er aufgeregt.
Der Drache wendet seinen Kopf zu Alwin und sieht sich das Buch näher an. „Ja, genau dieses Buch habe ich gemeint. Da drin ist meine Geschichte aufgeschrieben.”
„Und was muss ich jetzt machen? Wie kommst du wieder in dein Land zu deinem Felsen und zum Zauberer?”
„Du musst das Buch auf der Seite aufschlagen, wo meine Geschichte steht.”
„Aber ich kann noch nicht lesen!”, gesteht Alwin und rennt zu seiner Mama hinüber, damit sie ihm die Seite aufschlägt, die er braucht. Seine Mama findet die Geschichte vom Drachen und dem Ritter, von der die letzten Seiten fehlen. Alwin rennt zurück zum Käfig.
„Und jetzt, lieber Alwin, schließe deine Augen, denn ich sage nun einen Zauberspruch, den mir mein Freund der Zauberer beigebracht hat. Es ist ein Wieder-zurück-nach-Hause-Zauberspruch. Diesen Zauber kann man dann verwenden, wenn man sich verirrt hat. Und wenn es klappt, werde ich nicht mehr hier sein, wenn du deine Augen öffnest!”
Alwin ist zwar sehr traurig, dass er den Drachen nicht mehr sehen wird. Aber er weiß, dass er in sein Land und in seine Geschichte zurückkehren muss.
„Okay”, sagt Alwin, „tschüß, lieber schöner Drache. Ich werde dich nie vergessen!”
„Lebe wohl!”, sagt der Drache, „ich werde dich auch nie vergessen und ich danke dir von ganzem Herzen für deine Hilfe!”
Alwin hält nun das offene Buch vor den Drachen und schließt die Augen. Er hört, wie der große Drache einen Zauberspruch in einer fremden Sprache murmelt. Er versteht kein Wort davon.
Da hat der das Gefühl, als würde plötzlich ein Windstoß die Seiten im Buch bewegen. Er öffnet die Augen – und sieht nur mehr den leeren Käfig. Der Zauberspruch hat wirklich gewirkt – und hat offenbar den wunderschönen Drachen in seine Heimat gebracht. Den Windstoß haben sogar die anderen Zoobesucher bemerkt, auch die Mama, die jetzt nach Alwin ruft.
„Alwin, komm wir gehen nach Hause. Ich glaube, es kommt ein Gewitter. Es wird kalt und windig!”
„Aber nein!”, beruhigt Alwin seine Mutter, „das waren doch nur die Flügel des gold-grünen Drachens, der jetzt wieder frei ist und nach Hause fliegen konnte!”
Seine Mama schüttelt ungläubig den Kopf, sie wundert sich einmal mehr über die große Fantasie ihres Sohnes.
Abend vor dem Einschlafen liest sie Alwin aus dem neuen Märchenbuch vor. Und ich glaube, ihr wisst schon, was passiert ist – die Geschichte vom Drachen mit den gold-grünen Schuppen und dem Ritter mit der roten Feder ist inzwischen fertig erzählt und aufgeschrieben bis zum letzten Punkt. Und ich kann euch verraten, der Drache ist dem Ritter entkommen und wohlbehalten auf dem Schloss des Zauberers angekommen, wo ihm die Köchin einen riesengroßen Schokoladekuchen gebacken hat, den er auch sogleich bis zum letzten Krümel aufgefressen hat.
Von Alwins Beitrag zu diesem guten Ende war allerdings kein Wort in der Geschichte zu lesen.
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