Achso, der Räuber

 Tief im Wald in einer Höhle lebte einst der große, bärtige Räuber Achso Grapsch. Sein Vater Igid Grapsch und sein Großvater Ograus Grapsch waren besonders berühmt-berüchtigte Räuber gewesen und hatten ihm das Räuber-Handwerk beigebracht. Sie wussten genau, wie man eine Kutsche aufhält, die des Weges kam, wie man Fallen stellt und dann reiche Kaufleute ausraubt.
Doch der Räuber Achso hatte ein Problem. Er musste ständig furzen und rülpsen. Wenn er jemandem auflauerte, überkam ihm das Bedürfnis laut zu rülpsen – und wenn ich sage laut, so meine ich sehr laut! So laut, dass die Vögel vor Schreck aufflogen und aufgeregt zwitscherten, die Hasen im Zickzack davon stoben und die Rehe aus dem Dickicht ausbrachen. Die Kaufleute waren dadurch gewarnt und machten rechtzeitig kehrt.
So war keine Beute zu machen!
Auch das Furzen brachte Achso nur Unannehmlichkeiten. Schon von weitem hörte man das Grollen durch den Wald und auch der Gestank war meilenweit zu riechen.
Nein, ein Räuber konnte der Räuber Achso Grapsch nicht bleiben. Er musste sich einen anderen Beruf suchen. Das war gar nicht so leicht – denn wer nimmt schon einen Räuber in den Dienst, noch dazu einen, der ständig furzt und rülpst, dass einem Hören und Sehen und Riechen vergeht?
Achso hatte Glück. Er fand beim großen Zauberer Hugo von Eulenstein eine Stelle als Knecht. Dort musste er Holz hacken und die Kamine einheizen, die Zimmer kehren und die Fenster putzen. Er musste kochen und backen und den Pferdestall ausmisten, die Hühner füttern und die Kuh melken.
Die Arbeit machte dem ehemaligen Räuber große Freude – er war stark und geschickt. So konnte er zum Beispiel im Handumdrehen einen Berg Holz hacken. Achso Grapsch bekam genug zu essen und einmal im Monat einen Goldtaler als Bezahlung. Er war mit seinem neuen Alltag zufrieden.
Doch auch dem Zauberer ging die Furzerei und das Rülpsen ziemlich auf die Nerven. Er musste sich abwechselnd die Nase und die Ohren zuhalten, sobald Achso in seine Nähe kam. Hugo von Eulenstein überlegte und überlegte, warum Achso wohl dieses Problem hatte. Er blätterte in seinen alten Zauberbüchern und suchte Zaubersprüche gegen das Furzen und Rülpsen – aber er fand keinen Eintrag zu diesem Thema. Die Verfasser der Zauberbücher, Magier aus uralten Zeiten, waren wohl allesamt zu vornehm gewesen, um über so etwas Unanständiges zu schreiben.
Der Zauberer wollte Achso aber auch nicht wegschicken, denn er arbeitete ja gerne und fleißig. Schwerlich würde er einen anderen so arbeitswilligen Gesellen finden.
Eines Tages kam die Mutter des Zauberers, Eugenie von Eulenstein, zu Besuch und lernte dabei Ex-Räuber Achso bei der Jause kennen. Er servierte für Mutter und Sohn Kaffee und Kuchen. Als Achso jedoch ungeniert einen satten Rülpser ausstieß, reichte es dem Zauberer. Er schrie den armen Achso so laut an, dass die Balken des Hauses krachten: „Du ungezogener Stinkeberger! So lange hatte ich Geduld mit dir, aber jetzt reicht es mir! Geh zurück in deine Höhle, wenn du dich nicht benehmen kannst!”
Achso war sehr erschrocken und gekränkt, dass nicht einmal der Zauberer ihn bei sich haben wollte! Er schnaubte und schnäuzte sich geräuschvoll in seinen Rockärmel. Dann verließ er traurig das Haus des Zauberers, um in seine einsame Höhle zurückzukehren.
Die Mutter des großen Zauberers wackelte nur mit dem Kopf und mahnte: „Na, na, mein lieber Hugo, jetzt hast du wohl etwas übertrieben! Du hast den armen Mann tief gekränkt!”
Der große Zauberer seufzte. Er gestand seiner Mutter, dass er Achso gern leiden mochte, dass er ihn aber wegen seiner Unarten nicht länger ertrug und auch bislang kein Mittel gegen sein unflätiges Verhalten hatte finden können.
„Ich glaube, mir ist etwas eingefallen”, flüsterte Mutter Eugenia geheimnisvoll. Sie kritzelte etwas auf einen Zettel, rief ihren Diener Simsala Bim, der sie immer begleiten musste, und befahl ihm, zu einer bestimmten Person an eine bestimmte Stelle zu eilen und ihren Brief abzugeben. Hugo verriet sie nichts von ihrem Plan.
Nach drei Tagen kam Simsala Bim mit einer kleinen, rundlichen, rotwangige Frau zurück.
„Das ist Barbuna, die Tochter eines Räuberhauptmannes. Sie kennt sich mit Männern aus – denn sie hat sieben Brüder, musst du wissen! Gib sie dem Räuber zur Frau – und du wirst sehen, wie schnell er Manieren erlernt!”, erklärte Mutter Eugenia ihrem Sohn.
Sie führten Barbuna zur Höhle des Räubers. Achso saß beleidigt in einer Ecke und verschlang hastig eine Unmenge Bohnen mit Speck-Grammeln und dunkelbraun-gerösteten Zwiebelringen. Dazu trank er ein entsetzlich stinkendes Gebräu, das munter vor sich hin gärte. Großvater Ograus war einst der stolze Erfinder dieser Blubber-Brause gewesen. Ohne zu kauen, nur ab und zu durch einen großen Schluck Blubber-Brause hinuntergespült, leerte Achso seinen Teller. In der Grapsch-Familie war es seit jeher üblich gewesen, gierig – wie um die Wette -  alles Essen mit Blubber-Brausen-Bier verdünnt hinunterzuschlucken.
„Nein so etwas!”, rief Barbuna entsetzt. „Wen wundert es da noch, wenn du ständig furzend und rülpsend deinen überfüllten und deshalb schmerzenden Bauch erleichtern musst!”
Und schneller als man bis drei zählen kann, war sie in seiner Küche, leerte die restlichen Bohnen und das eklige Getränk aus und begann etwas Anderes zu kochen.
„Ab heute weht hier ein anderer Wind”, verkündete sie und servierte Achso alsbald nur noch leckere, duftende und bekömmliche Speisen, die er gemächlich kauen musste. „Immer bis 20 zählen, während du kaust!” sagte Barbuna dann. Zu trinken gab’s ab diesem Tag nur noch klares Quellwasser und Kräutertee und am Sonntag einen Becher Milch zum Frühstück.
„Ich bleibe bei dir und werde dir beibringen, wie man sich gesund ernährt, wie man sich wäscht und wie man sich richtig benimmt”, sagte sie und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange, weil sie Achso vom ersten Blick an gern hatte.
Und obwohl Achso zuerst misstrauisch war, fand er es nett, dass Barbuna bei ihm blieb und von nun an für ihn sorgte. Und – wie schön! – seit sie für ihn kochte, musste er nicht mehr rülpsen und furzen und hatte auch keine Bauchschmerzen mehr. Und alle, die den ehemaligen Räuber Achso kannten, atmeten erleichtert auf.
Eigentlich hätte Achso ja nun wieder seinen erlernten Beruf aufnehmen können, nämlich reiche Kaufleute auszurauben. Das erlaubte seine Frau jedoch nicht. Sie wollte selbstverständlich verhindern, dass ihr lieber Mann im Gefängnis landete. Deshalb schickte sie ihn wieder zum Zauberer Hugo von Eulenstein, wo Achso seine früheren Arbeiten sogleich wieder aufnahm, anfangs ein wenig knurrend und widerstrebend – denn das Räuberhandwerk lag im sozusagen im Blut. Aber, weil er Barbuna mittlweile schon sehr liebgewonnen hatte, wollte er ihr eine Freude machen und blieb beim Zauberer Hugo von Eulenstein.
Der Räuber Achso wurde ein glücklicher Mann und Vater von fünf gesunden, fröhlichen und zu ihrem Wohl erzogenen Kindern namens Dora, Lara, Mara, Xara und Fridolin.

 

 

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